Pyrehne und Kozaky

In unserem Projekt haben wir uns mit zwei Dörfern beschäftigt, deren Ortsgeschichte sowie die Geschichte ihrer Einwohner die europäische Geschichte des 20. Jahrhundertes sehr gut illustriert. Das Projekt betrachtet die Erinnerungen an erzwungene Migration, die mehrere europäische Nationen betraf. Interessant ist dabei, dass die individuellen Erlebnisse der Betroffenen aus verschiedenen Nationen oftmals ähnliche mentale Bilder hervorrufen.

 

Pyrzany ist ein Dorf im heutigen Westpolen. Bis 1945 hieß es Pyrehne, war Teil der Neumark und wurde von Deutschen bewohnt. Die polnische Grenze war weit entfernt und kaum jemand konnte sich vorstellen, dass dieses Gebiet einmal polnisches Staatsgebiet sein würde.

So ähnlich war es auch im Fall von Kozaky. Das Dorf befindet sich im historischen Ostgalizien, am Rande des polnischen Staatsgebietes von 1939. Heute liegt es in der Ukraine, im Kreis Lemberg, Bezirk Zolochiv. Die Bevölkerung der Region war national gemischt, Polen, Ukrainer und Juden wohnten dort nebeneinander. Für alle war Kozaki ihr Zuhause.

Verschiebung der Grenze und die „moderne Völkerwanderung“

Die persönlichen Geschichten von „kleinen“ Leuten werden oft von der großen Politik bestimmt. In den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges sind viele deutsche Bewohner des Gebietes östlich von der Oder vor der anrückenden Roten Armee nach Westen geflohen.

Es handelte sich um mehr als die Hälfte der damaligen Bevölkerung, viele von denen, die blieben, fielen Verbrechen der sowjetischen Soldaten zum Opfer. Auf dem Gebiet haben sich allmählich polnische Staatsstrukturen etabliert. Auf der Potsdamer Konferenz wurde die Aussiedlung der gesamten deutschen Bevölkerung und die Besiedlung der ehemaligen deutschen Gebiete mit Polen beschlossen. Die neue Gesellschaft bestand zum Teil aus ebenso aus ihrer Heimat vertriebenen Ostpolen, sowie aus anderen Angehörigen des polnischen Staates, die unter deutscher und sowietischer Besetzung gelitten, oft ihr Hab und Gut verloren hatten und Flucht und Vertreibung während des Krieges erfahren mussten.

Im Osten hatte die große Politik noch früher angefangen, die Schicksale der Menschen zu beeinflussen. Die Region wurde 1939 von der Sowjetunion besetzt, 1941 wiederum von Nazideutschland. Beide Herrschaften haben den Antagonismus zwischen den ortsansässigen Nationalitäten unterstützt, blutige Auseinandersetzungen waren an der Tagesordnung. Sie eskalierten 1943 zum polnisch-ukrainischen Bürgerkrieg, der Hunderttausende Polen zur Flucht zwang.

Nachdem die Rote Armee das zweite Mal die polnisch-sowjetische Grenze überschritten hatte, wurden die polnischen Ostgebiete als integrale Teile der Sowjetunion angesehen. Ende 1944 setzte dann die Vertreibung der Polen aus den Ostgebieten ein – sie wurden nach Westen gebracht und ihr neues Zuhause waren die früher von Deutschen bewohnten Gebiete. Die Wohnungen der Polen wurden wiederum häufig von den aus polnischem Staatsgebiet vertriebenen Ukrainern besiedelt.